Cyborgs und Transhumanismus

„Das menschliche an uns ist unsere Technik.“
McLuhan

„Ich habe nicht das Gefühl, Technik zu nutzen, ich habe nicht das Gefühl Technik zu tragen, ich habe das Gefühl, Technik zu sein.“, so beschreibt Neil Harbison seine Beziehung zu der Technik die er gebaut hat um seine Sinne zu verbessern: Mithilfe eines am Kopf befestigten Geräts, das die Farbzusammensetzung seines Blickfelds in Melodien umwandelt, hat Neil seine Farbenblindheit überwunden. Er berichtet dass der Multifrequenzklang bestimmter Bilder so speziell sein kann, dass er selbst die Gesichter seiner Bekannten an ihrem „Klang“ erkennen kann.

“La Noosphère atteindra collectivement son point de convergence, — à la « Fin du Monde »”
Teilhard

Technik ist ein Teil der menschlichen Natur. Wir kochen unsere Nahrung seit mehr als zwei Millionen Jahren, unser Ernährungssystem ist komplett an unsere technische Kost angepasst. Kleidung tragen wir sogar noch länger, sodass diese das Fell unserer Vorgänger ersetzen konnte. Werkzeuge sind Erweiterungen unseres Körpers, zu diesem Schluss kam McLuhan und entwickelte damit die Gedanken von Pierre Teilhard de Chardin weiter. Unser kochendes Essen ist eine Erweiterung unseres Stoffwechsels, Kleidung erweitert unsere Haut, das Mikroskop unser Auge und – am wichtigsten – Computer sind Erweiterungen unserer Gehirne und werden mittels des Netzwerks des Internets zu Erweiterungen unseres Nervensystems.

„You will become like us.“

„Der Cyborg schließt bewusst exogene Komponenten ein, die die selbstregulierende Kontrollfunktion des Organismus erweitern, damit er sich an neue Umgebungen anpassen kann.“, schrieben Manfred Clynes und Nathan Kline, als sie den Begriff 1960 in ihrem Astronautics Paper prägten und vorschlugen die „Körperfunktionen der Menschen so zu verändern, dass sie den Anforderungen außerirdischer Umgebungen entsprechen.“

Die „Cyborg Schule“ kann also als die Erben McLuhans angesehen werden, die nur konsequent weiterdenken was Werkzeuge mit uns, unserer Kultur, unserem Lebensstil machen.

„Individuals now are conceived by chance. Someday, though, they could be ‘composed’ in accord with considered desires and designs. Furthermore, when we build new brains, these need not start out the way ours do, with so little knowledge about the world. What sorts of things should our mind-children know? How many people should occupy Earth? What sorts of people should they be? How should we share the available space?”
Minsky, Will Robots Inherit the Earth?

Aber warum sollten wir mit dem Erweitern unseres Körpers aufhören? Könnte es möglich sein unseren menschlichen Zustand völlig zu überwinden? Das ist der Kerngedanke des Transhumanismus. Wenn die „Cyborgisten“ McLuhan folgen, sind Transhumanisten auf Teilhards Seite. Der Punkt Omega, an dem Technik uns erlaubt unseren Körper zu verlassen (wie Teilhard es vorhergesagt hatte), wir heute zu der Singularität umgedacht: exponentielles Wachstum von Wissen und Computerpower wird es uns bald erlauben unser Bewusstsein auf die Matrix hochzuladen.

“If a reasoning human being loves and values life, they will want to live as long as possible—the desire to be immortal.”
Istvan, The Transhumanist Wager

„Die Physik der Unsterblichkeit“, wie Frank Tippler es nannte, würde nicht nur alle Einschränkungen des irdischen Zustands, mit denen körperliche Kreaturen wie Menschen bisher konfrontiert wurden, beenden. Sie würde uns nicht nur Unsterblichkeit geben sondern auch direkten Zugang zu allem gespeicherten Wissen, allen verfügbaren Informationen, und sie würde uns mit allen anderen hochgeladenen Lebewesen verbinden.

“What if a cyber brain could possibly generate its own ghost, create a soul all by itself? And if it did, just what would be the importance of being human then?”
Kusanagi

Wir müssen nicht an die utopischen Versprechungen der einen oder der anderen Erzählung glauben. „Cyborgismus“ und Transhumanismus zeigen uns zwei Perspektiven wofür wir unsere Technik nutzen können wollen. Unsere Werkzeuge und kulturellen Techniken haben uns vielleicht von vielen drängenden physikalischen Belastungen befreit. Mithilfe von Brillen können wir unsere Sicht erhalten, selbst wenn wir von Fehlsichtigkeit betroffen sind. Ein Rollstuhl kann uns unsere Mobilität zurückgeben, jedenfalls zu einem gewissen Grad. Aber diese Hilfen sind gemacht um Teile unseres Köpers zu verbessern, nicht um sie zu ersetzen. Wie sehr werden wir unser körperliches Leben wertschätzen? Genau das macht die Kluft aus, nicht nur zwischen Transhumanisten und „Ehancementisten“, denen, die lediglich Verbesserungen wollen, es ist die Frage nach technischem Determinismus als solche. Ist Technik ein Werkzeug das uns unterstützt oder ist sie die Abhilfe für unsere weltlchen Einschränkungen?

“What D.H.S. has done is make it possible to torture a human being to death, and then start again.”
Richard K. Morgan

Der Gedanke unsere Körper zu verlassen bringt einen deutlichen Dualismus mit sich: das Ich in uns muss ein „Geist in einer Schale“ sein, eine Software, die unser Gehirn betreibt. Ist dieses Ich nur das Ergebnis feuernder Neuronen, wie Douglas Hofstadter nahelegt, ist es wirklich möglich eine komplette Simulation online abzuspielen – mit allem Drum und Dran wie Emotionen, Glauben, Ästhetik? Aber was ist mit den heiklen Interaktionen von Hormonen, vegetativem Nervensystem und unserem Gehirn? Sind sie entbehrlich?

So oder so, in dem Moment wo unsere Körper ersetzlich werde wird unsere physische Existenz abgewertet. Wir werden vielleicht noch unvorsichtiger was die Konsequenzen unserer Handlungen angeht. Während „Enhancementisten“, die mit vollem Vergnügen Technik nutzen, wohl dennoch ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Kindern und zukünftigen Generationen haben, werden Transhumanisten ihre Erinnerungen für ausreichend halten um Verluste in der Umwelt auszugleichen, für sie gibt es nichts realeres als ihre Gedanken und Erinnerungen würden deshalb als Erfahrung gelten.

„Solving the many technological problems involved in manned space flight by adapting man to his environment, rather than vice versa, will not only mark a significant step forward in man’s scientific progress, but may well provide a new and larger dimension for man’s spirit as well.”
Clynes/Kline

Am Samstag, dem 21. Juni, wird die Deutsche Cyborg Gesellschaft, Cyborgs e.V., ihr erstes Cyborg Barcamp halten. Ich freue mich sehr auf die Konferenz, nicht nur um mich von den Cyborg-Objekten die vorgeführt werden und von denen berichtet wird inspirieren zu lassen, vor allem, weil ich hoffe mich über diese ethischen Fragen unterhalten zu können, die noch vor 20 Jahren nach purer Science Fiction geklungen hätten, die aber in die Reichweite, bald sehr relevant zu werden gekommen sind.