Wann springt Quantified Self über den Innovations-Graben?

Innovative Technologien und Produkte auf einen breiteren Markt zu bringen, sie zum Mainstream zu machen – das ist es was Moore’s „Crossing the Chasm“ („die Schlucht überqueren“) beschreibt. Wo ist dieser eine Punkt im Lebenszyklus einer neuen Technologie, an dem sie vom Spielzeug für Nerds zum ganz normalen Alltagsprodukt wird?

Das größte und vielleicht einzige Problem des Quantified Self ist sein Name: Während „the self“, das Ich, ein allgemein bekannter – wenn auch häufig missverstandener – Begriff ist, handelt es sich bei „quantified“, quantifiziert, um eine sogenannte Umwandlung: Ein in ein Adjektiv umgewandeltes Verb. Solche grammatischen Umwandlungen verlangen mehr Nachdenken, bis die Leute sie nutzen oder verstehen. Noch dazu ist „quantifiziert“ ein Fremdwort, das niemand im Alltag verwenden würde.

Wir müssen davon ausgehen, dass als Kevin Kelly und Gary Wolf die Quantified Self Bewegung 2007 begannen, eine Einigung auf diesen Begriff wohl nicht einfach war, auch wenn er sich selbst genau definiert: ein [internationaler] Zusammenschluss von Usern und Herstellern von Self-Tracking Tools. Mit dieser Definition wird der Unterschied zwischen Quantified Self und Self-Tracking deutlich: Während Self-Tracking das individuelle (und von Anderen losgelöste) Verhalten des über sich selber Daten Sammelns beschreibt, gehört beim Quantified Self zusätzlich noch die Zusammenarbeit von Individuen und/oder Gruppen von Self-Trackern dazu. Daher scheint es schwierig bis unmöglich, den Weg für Quantified Self durch eine Umbenennung in Self-Tracking zu ebnen.

Legen wir das Namensproblem aber für einen Moment zur Seite und sehen wir uns die Hürden, die neue Technologien nehmen müssen um auf den breiten Markt zu kommen, genauer an. Alex Iskold von RRW beschreibt die Dynamik so:

Um zum Massenprodukt zu werden, muss ein Produkt zunächst Wegbereiter („Innovators“) gewinnen, die üblicherweise 2,5% des Marktes entsprechen, gefolgt von frühzeitigen Anwendern („Early Adopters“), die 13,5% ausmachen. Nachdem ein Produkt bereits von etwa 16% des Marktes genutzt wird, gähnt eine Schlucht. Um zum Mainstream zu werden muss das Produkt die nächste Gruppe erreichen, die 34% frühe Mehrheit („Early Majority“) um von bis zu 50% des Marktes genutzt zu werden.

Verglichen mit 1991, als Geoffrey A. Moore den Begriff „Crossing the Chasm“ einführte, hat sich die Geschwindigkeit neuer Markteinstiege dramatisch gesteigert. Viele Technologien – insbesondere die im Silicon Valley erfundenen – zielen auf Wegbereiter und frühe Anwender. Und zwölf Monate nachdem ein Produkt Fuß gefasst hat ist es online bei Amazon oder im Apple Store erhältlich, was weltweite Verfügbarkeit bedeutet. Heutzutage können Startups ihre Produkte an zehntausende Kunden in fremden Märkten verkaufen, bevor sie überhaupt nur ihren ersten Mitarbeiter für den Kundenservice eingestellt haben – ein typisches Problem der frühen Anwender.

In den USA bieten Einzelhandelsketten wie Safeway, Mobilfunkbetreiber und andere ganze Regale mit Sportzubehör an, das mit Apps kommuniziert – die auffälligsten Quantified Self Produkte heutzutage. Pew Internet hat herausgefunden, dass 66% aller Nordamerikaner ihr Verhalten mit entsprechenden Geräten aufzeichnen, und dass 46% sagen, sie hätten ihr Verhalten aufgrund der gesammelten Daten verändert. Was Pew nicht verrät ist, ob diese Menschen tatsächlich wissen, dass ihr Verhalten Quantified Self heißt. Es ist eine Tatsache: Immer mehr Menschen, die sich selbst quantifizieren, haben von diesem Begriff noch nie gehört. Sie machen es einfach. Der Grund: Es gibt keine „Quantified Self“ Schilder in den Regalen. Die Leute kaufen Armbänder oder Smart Watches, aber nicht „Quantified Self“ Tools.

Kommen wir auf die Namensgebung zurück: Wenn „the Quantified Self“ als eher akademischer Begriff für Menschen die Armbänder, Smart Watches, Smart Clothes usw. kaufen und ihre Daten teilen verwendet wird, dann haben wir den interessanten Effekt eines zukünftigen Massenmarktes mit einem Namen, den nur Insider kennen.

Habe ich Massenmarkt gesagt? Tatsächlich: Fragen Sie welche Marktforschungsfirma auch immer, der Markt für sogenannte „Wearable Tech“ („tragbare Technologien“), also Technologien, die fürs Quantified Self genutzt werden, wird auf 30-40 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 ansteigen. Das nenne ich einen Massenmarkt. Die Annahme hinter diesen Zahlen ist – wie immer – dass diese Produkte die Schlucht überwinden werden, dass sie die Hürde vom ausschließlichen Erreichen der frühen Anwender zum Begeistern der frühen Mehrheit nehmen werden.

Unserer Meinung nach ist das möglich. Warum? Quantified Self / Wearable Tech wird den breiten Markt erreichen, weil es dem Individuum Macht gibt: QS verteilt Kompetenz von Experten – Ärzten, Wissenschaftlern, usw. – auf das Individuum um. Sue Clark kann genug qualitativ hochwertige Daten sammeln und analysieren um jederzeit gut über ihren Gesundheitszustand informiert zu sein. Sie kann ernste Gesundheitsprobleme wie Infarkte vorhersehen, oder sie kann dazu beitragen, sie vorzubeugen, indem sie ihr Verhalten verbessert. QS gibt dem Individuum Selbstbestimmung zurück, und das ist die Hauptantriebskraft hinter dem dynamischen Wachstum dieses Marktes.

Die Wachstumsraten werden von der Verfügbarkeit, Benutzerfreundlichkeit und Personalisierung des Geräts abhängen – alias soziale Relevanz:

  1. Das Gerät muss von jedem genutzt werden können. Das Gerät selbst sollte entweder kostenlos sein oder weniger als 100$ kosten.
  2. Es muss absolut einfach zu nutzen sein – niemand sollte dafür allzu kreativ sein müssen oder auch gezwungen sein, sich zu sehr damit zu beschäftigen.
  3. Die Benutzerin muss individuelle und personalisierte Empfehlungen erhalten, wie sie ihr Verhalten verändern kann, falls nötig. Keine standardisierten Programme, sondern individuelle Ratschläge.

Wenn diese Kriterien erfüllt werden, wird ein QS Gerät, ob es nun eine tragbare App oder Hardware ist, innerhalb kurzer Zeit zu zehn- oder hunderttausenden verkauft werden. Und Probleme wie Übergewicht, was in den USA alleine schon über 150 Milliarden US-Dollar in verlorener Produktivität kostet, könnten ganz anders angegangen werden.

Und dann wird Quantified Self die Schlucht überquert haben – vielleicht ohne, dass es jemand bemerkt.