Die Blockchain Revolution

1926 veröffentlichte der sowjetische Wissenschaftler Nikolai Kondratjew seinen Aufsatz „Die langen Wellen der Konjunktur“. Auf Basis der von ihm in Deutschland, Frankfeich, England und den USA gesammelten Daten hatte er festgestellt, dass kurze konjunkturelle Zyklen von längeren Wellen überlagert werden, die zwischen 40-60 Jahre andauern. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Aufsatzes befand man sich etwa in der Mitte der dritten Welle, die schliesslich mit dem zweiten Weltkrieg ihr Ende fand.

Die einzelnen Wellen lassen in den Aufschwungsperioden durch Jahre mit überwiegend guter Konjunkturund in den Abschwungsphasen durch einen Überhang an Rezessionsjahren beschreiben. Zugrunde liegen diesen Entwicklungen Basisinnovationen wie die Erfindungen der Dampfmaschine, der Eisenbahn, etc., die mit nachhaltigen Produktivitätssteigerungen einhergehen. Aktuell befinden wir uns in der 5. Kondratjew-Welle, der Informationstechnologie, die Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts begann. Der Beginn der Hochphase der aktuellen Welle dürfte etwa im Jahr 2005 erreicht worden sein. Blickt man aus dem Jahr 2017 innerhalb der Informationstechnologie zurück, stellt man fest, dass dies mit der Emanzipation des Internet zusammenfällt. Heute, 15 Jahre nach der ersten massiven Korrektur der Internetindustrie in den Jahren 2000-2002, stehen die signifikanten Produktivitätssteigerungen, die das Internet gebracht hat, ausser Frage.

Was allerdings noch zu beantworten ist: was folgt auf das Internet? Kommt die nächste bahnbrechende Technologie aus den Bereichen, die üblicherweise in diesem Zusammenhang genannt werden, wie Biotechnologie, Nanotechnologie, Robotik, Künstliche Intelligenz, usw.? Für alle diese Bereiche gibt es schlagende Argumente. Dennoch sehen wir eine bisher noch nicht auf der Agenda stehende technologische Entwicklung als ersten Anwärter auf den Titel „The Next Big Thing“: die Blockchain.

Blockchain hat bis ins Jahr 2016 hinein ein Schattendasein gefristet – nur Spezialisten wussten mit dem Thema etwas anzufangen und konnten sich dafür erwärmen. Durch eine äusserst schnelle Adaption des Themas nicht nur auf Technologie-Konferenzen, sondern auch in ersten Experimenten in Unternehmen, sowie durch öffentlichkeitswirksame beispielhafte Blockchain-Projekte wie das Blutdiamanten-Projekt von De Beers, ist die Blockchain zu Beginn 2017 in aller Munde. Ein Grund für das späte Erwachen liegt vermutlich in der Beschaffenheit der Blockchain: während Künstliche Intelligenz, Robotik et al. mit sichtbaren für den Menschen nachvollziehbaren (wenn auh teilweise erschreckenden) Beispieln aufwarten können, ist die Blockchain eine fundamentale Technologie, die an den originären Strukturen und Prozessen des Wirtschafts- und Soziallebens ansetzt:

Mit der Blockchain lassen sich bestehende Prozesse grundlegend vereinfachen, bestehende scheinbar in Stein gemeißelte Machtstrukturen in einer Weise ändern, dass Unternehmen und Institutionen dieser Technologie hochsensibel und mit grösstem Respekt begegnen. Allein das immanente Blockchain-Element der Dezentralität widerspricht tradierten Machtstrukturen diametral: jeder Arbeitnehmer weiß ein Lied davon zu singen, wie stark Top-Down heute noch die Befehlsprozesse in Unternehmen verlaufen – aktuelle Beispiele wie der VW-Abgasskandal bezeugen dies eindrucksvoll. Dezentralität bedeutet nicht nur eine Veränderung in Machtstrukturen; die in der Blockchain als verteilte Datenbank vorliegenden Informationen ermöglichen darüberhinaus Transaktionsprozesse signifikant effizienter zu gestalten – das Zero Marginal Cost Modell kann hier im Live-Einsatz beobachtet werden: Transaktionen sind zu vernachlässigbaren Kosten durchführbar. Prozesse, die bis dato an Transaktionskosten scheiterten, sind nun durchführbar.

Neben der Dezentralität kennzeichnen die Blockchain weitere Aspekte, wie die Unveränderbarkeit der Daten, eine garantierte Zurückführbarkeit auf historische Daten, und einige andere. In der praktischen Anwendung reicht meist schon die Verwendung eines der konstituierenden Elemente der Blockchain aus, um die Implementierung dieser Technologie zu rechtfertigen. Trifft man in der Realität auf Strukturen und Prozesse, die eine Kombination verschiedener Blockchain-Aspekte zur Anwendung kommen lassen, wird das Potenzial der Technologie ultimativ ausgeschöpft.

Auf einen derartigen Fall kombinierter Blockchain-Elemente sind wir im Building Blocks Projekt gestoßen, das wir gemeinsam mit unserem Partner Parity Technologies für und mit dem WFP Innovation Accelerator des World Food Programs der Vereinten Nationen durchführen. Das Ziel des Projekts besteht darin, einen relevanten Baustein zur Aufgabe des WFP – die Beendigung weltweiter Hungerprobleme – beizusteuern. „End Hunger“ – ein Ziel, das unseer Arbeit am Building Blocks Projekt nicht nur hochinteressant und herausforderend, sondern auch zu einer Herzensangelegenheit macht.

Wir werden die Entwicklung des Projekts in einzelnen Beiträgen beschreiben – es hat im Dezember 2016 begonnen und bereits Anfang Januar gab es einen ersten Proof of Concept im Süden Pakistans. Der nächste Milestone ist für Frühjahr 2017 angepeilt. Interessierten bieten wir darüberhinaus an, uns am 16. Mai in München zu besuchen: in den Räumen des WFP Innovation Accelerators werden wir gemeinsam mit den WFP Kollegen das Building Blocks Projekt vorstellen. Bei Interesse ist eine rechtzeitige Anmeldung angeraten, da das Platzangebot begrenzt ist. Das Building Blocks Projekt bietet eine große Bandbreite der Aspekte, die bei der Einführung einer neuen Technologie anfallen. Umso mehr freuen wir uns, in wenigen Wochen erste Ergebnisse vorstellen zu können.

Foto: Farman Ali, WFP

Eine Dezentrale Autonome Organisation DAO – Was ist das?

Was ist eine DAO, wie entsteht sie, was unterscheidet sie von herkömmlichen Organisationen und welchen Nutzen schafft sie? In einem ersten Beitrag wolln wir den Begriff der Dezentralen Autonomen Organisation (auch: dezentrale Selbstorganisation) einführen und erläutern.

Die meisten typischen uns bekannten Organisationsformen weisen ähnliche Strukturen auf: sie sind von einer zentralen Einheit, beispielsweise einer oder mehreren Personen oder einem Unternehmen, gegründet worden. Sie werden mit einem Regelsystem ausgestattet, nachdem sie funktionieren (sollen). Struktur und Prozesse bestimmen Zweck, Verhalten umd Wirkung der Organisation. Solange die Umgebung so beschaffen ist und die Umwelt sich so verhält, wie die Leitung es einschätzt, funktioniert die Organisation „nach Plan“. Organisationen dieses Typs funktionieren nach dem Top-Down-Prinzip: die Leitung (Chef, Vorstand, Gremium, etc.) macht Vorgaben und delegiert die Erstellung weiterer Vorgaben an in der Struktur weiter únten befindliche Teilnehmer (Manager, Arbeiter, etc.), die wiederum für die Einhaltung ihrer Vorgaben sorgen (sollen).

Die Kernmerkmale dieser Organisationsform sind Zentralität und Heteronomie, oder Fremdbestimmtheit: nicht der Abteilungsleiter bestimmt und verantwortet letztlich die Geschicke eines Unternehmens, sondern die Geschäftsführung. Im Unterschied zu dieser klassisch-hierarchischen Organisationsform ist die DAO diametral anders strukturiert: sie ist dezentral aufgebaut und funktioniert autonom; d.h. sie steht zwar (beispielsweise über das Intermet) im Austausch. mit anderen – DAOs, Individuen, (klassischen) Organisationen, etc., handelt aber selbständig. Hier eine aktuelle Definition der DAO:

DAO Definition

Eine blockchain-basierte, autonome, dezentral strukturierte nicht-natürliche Organisationseinheit, die ohne jegliche zentrale Weisung selbständig Entscheidungen auf der Basis unveränderlichen Computercodes trifft.

Das der DAO zugrundeliegende Regelset wird durch Mehrheitsentscheidungen der involvierten Teilnehmer aufgestellt und stetig weiterentwickelt. Derzeit werden die originären Regelsets noch von denjenigen Individuen bzw. Organisationen definiert, die DAOs aufsetzen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll die Fähigkeit zu einer dezentralen Entscheidungsfindung soweit entwickelt sein, dass die initiale Erstellung von Regularien selbst über dezentrale Entscheidungen läuft.

Da DAOs aus Computercode bestehen, interagieren sie mit der Aussenwelt über Dienstleister, die Entscheidungen transportieren. Eine DAO kann viele unterschiedliche Dienstleister beschäftigen, die verschiedenste Aufgaben erledigen:

Beispielsweise könnte eine imaginäre SonntagsFußballDAO, gegründet von 30 sportbegeisterten Männern in der Nachbarschaft, dafür sorgen, dass ein gemeinsames Fußballspiel automatisch vereinbart wird, sobald mindestens 11 Teilnehmer Sonntags zwischen 15-17 Uhr Zeit haben und vor Ort sind. In diesem Falle müsste ein Dienstleister die Verfügbarkeit der Teilnehmer in ihren Kalendern prüfen und sicherstellen, dass der Fußballplatz frei ist. Eventuell muss die Online-Buchung des Platzes durchgeführt werden. Nachdem mindestens 11 Teilnehmer zugesagt haben, wird allen der Termin in den Kalender geschrieben. Die Kontrolle darüber, dass tatsächlich ein Fußballspiel stattgefunden hat, könnte ebenfalls durch einen Dienstleister geschehen. Hier werden jedoch die Teilnehmer vermutlich genügend Eigeninteresse mitbringen, dies zu bestätigen.

Die jeweiligen Regeln, auf Basis derer die Diensleister agieren, werden smart contracts genannt. Diese mit einer englischsprachigen Beschreibung versehenen Codeschnipsel definieren die Ausführung der Dienstleistung: Zeitpunkt und Dauer, Art und Weise, Lieferergebnis, Zahlungsbedingungen, etc.. Für die Erstellung von smart contracts werden sog. Tokens der jeweiligen DAO benötigt, ein Zahlungsmittel für Interaktionen. Für die an der DAO Beteiligten ist der Einsatz von Tokens typischerweise kostenlos – Teilnehmer ausserhalb des Beteiligtenkreises können sich Tokens mit einer virtuellen Währung wie Ether oder Bitcoin kaufen. Grundsätzlich kann die DAO auch Aussenstehenden die Nutzung vin Tokens kostenlos ermöglichen – die Gebühr für den Erwerb der Tokens ist jedoch gleichzeitig ein Element eines möglichen Geschäftsmodells einer DAO. Im Falle unserer SonntagsFußballDAO ist vermutlich kein Geld im Spiel, da es sich um eine nachbarschaftliche Freizeitangelegenheit handelt. Sogenannte DACs decentralized autonomous corporations, also zu geschäftlichen Zwecken errichtete DAOs, werden sich typischerweise durch den Verkauf von Tokens refinanzieren.

DAOs können grundsätzlich jede denkbare Aufgabe übernehmen bzw Zweck erfüllen. In jedem Fall sind die für herkömmliche Prozesse notwendigen Mittelsmänner (z.B. Rechtsanwälte, Steuerberater, etc.) nicht mehr erforderlich – dies spart Zeit und Geld. Auch die Tatsache, dass eine DAO selbständig entscheidet – ohne einen entsprechende Anweisung durch eine zentrale Instanz anfordern zu müssen, gestaltet alle Prozesse maximal effizient: so kann beispielsweise die Haustür in Abwesenheit der Anwohner durch die Reinigungskraft geöffnet werden, während sie für alle anderen Personen verschlossen bleibt. In diesem Fall findet die tatsächliche Entscheidung in der Haustür selbst statt; dies verdeutlicht die Implikation, die DAOs für das Internet of Things IoT haben. Dazu werden wir in den folgenden Beiträgen noch näher eingehen.

Das Konzept der DAO ist neu. Verständlicherweise widerstrebt es insbesondere Geschäftsleuten sich vorzustellen, dass Unternehmen aus autonom entscheidenden, auf Computercode basierenden Organisationen bestehen und nicht zentral gesteuert werden. Die Blockchain-Technologie, der zunehmende Einsatz virtueller Währungen und die Entwicklung zu immer effizienteren Prozessen werden dafür sorgen, dass DAOs schon bald alltäglich sind. Vielleicht wird dann der Begriff DAO selbst keine Rolle mehr spielen und die aktuell auf dem Markt bekannten spezifischen virtuellen Währungen und Plattformen für smart contracts von anderen, neuen, abgelöst worden sein – für uns besteht allerdings kein Zweifel daran, dass DAOs in absehbarer Zeit die dominante Organisationsform darstellen.

Bei Datarella setzen wir uns daher seit geraumer Zeit mit dem Thema auseinander und arbeiten mit unserem Partner Ethereum an unterschiedlichen Lösungen für den Praxiseinsatz – als Software, wie als Hardware. Unser Anspruch dabei ist: eine DAO muss einen ökonomischen Nutzen bringen, idealerweise kurzfristig. Wenn sie das Thema interessiert und Sie sich einen Meinungsaustausch wünschen, sprechen Sie uns an oder besuchen Sie eines unserer Ethereum Munich Meetups!

Derlei Zusammenkünfte können ungeahnte Kreativität freisetzen, wie diese Science Fiction Kurzgeschichte von Dan Finlay, die ich Ihnen als Einstiegslektüre in das Thema DAO empfehle.